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Freitag, 27. November 2015

Buch-Review: Andreas Müller - Kiffen und Kriminalität (Buch)

Andreas Müller - Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz
Taschenbuch (gebunden) | Verlag Herder | September 2015 | 256 Seiten | ISBN-10: 345131276X / ISBN-13: 978-3451312762

In wunderschönem Grasgrün kommt das Buch von Jugendrichter Andreas Müller daher. Der sollte auf diesem Blog ja kein Unbekannter sein, da ich erst im Juli eine Besprechung seines ersten Buchs "Schluss mit der Sozialromantik" hier gepostet hatte (siehe HIER) ... und weil er eben (Exil-)Meppener ist.

Grasgrün ist das Buch natürlich (da war die Grafikabteilung mal total originell, höhö) weil's eben darum geht: Gras! Oder eben Marihuana, Cannabis, Haschisch, Weed oder welche 1.000 anderen Begrifflichkeiten für die "Wunderpflanze" Cannabis Sativa eben gebräuchlich sind. Um es genau zu präzisieren: Es geht um Cannabis und die damit zusammenhängende Kriminalisierungsgeschichte in Deutschland. Und um die Frage, ob eine Legalisierung nicht der einzig richtige Weg im Umgang mit der weichen Droge Cannabis wäre.


Ich denke ich nehme nichts vorweg, wenn ich hier schon mal verrate, dass Andreas Müller ein absoluter Befürworter einer Cannabis-Legalisierung ist, dann das konnte man in "Schluss mit der Sozialromantik" schon lesen. Warum das so ist legt er hier noch mal im Detail dar und arbeitet sich durch verschiedene Aspekte der Thematik. Es handelt sich hier laut Eigenaussage um eines von Müllers "Lebensthemen". Was vor allen Dingen mit dem Tod seines Bruders zusammenhängt, der erst durch Cannabis-Kriminalisierung immer mehr in eine kriminelle Ecke gedrängt wurde, wie Müller es in dem Buch als "roter Faden" immer wieder ausführt.

Müllers Stil ist im gesamten Buch wieder verständlich und bodenständig. Komplexe Sachverhalte werden anschaulich erklärt, so dass man z. B. kein Jura studiert haben muss um mit der behandelten Material klarzukommen, auch wenn er öfters mal Justizfragen streift (z. B.: Was ist eigentlich derzeit in Deutschland tatsächlich "erlaubt" bzgl. Besitz und/oder Konsum? Welche einheitlichen "Obergrenzen" gibt es?) aber auch auf die geschichtlichen Hintergründe des Cannabisverbots (Ägypten und Harry Anslinger sind schuld!) eingeht und auch klipp und klar anspricht, dass das Bundesverfassungsgericht und der Gesetzgeber in der Cannabisfrage seit über 20 Jahren eklatant wichtige Fragen offen lassen.

Die Quintessenz des Buches ist: Müller tritt für eine möglichst schnelle Cannabis-Legalisierung in Deutschland ein. In diesem Buch nimmt er die immer gleichen und oft auf Hörensagen basierenden "Argumente" der Legalisierungs-Verweigerer recht vehement auseinander, als da wären:
  • Cannabis ist immer eine Einstiegsdroge zu härteren Drogen
  • Cannabis ist eine gefährliche Droge mit hohem körperlichem Abhängigkeitspotential und harten Drogen wie Kokain oder Heroin gleichzusetzen
  • Cannabiskonsum erzeugt in großem Umfang Psychosen bis hin zu Schizophrenie
  • Kiffen macht dumm und faul und führt zu Verwahrlosung
  • Sobald Cannabis legal ist kiffen plötzlich alle
  • Cannabis ist schädlich für unsere Kinder
Müller macht ziemlich klar deutlich, dass aus diesen Argumenten allzu oft allgemeines Unwissen und der Unwille sich mit dem Thema auseinanderzusetzen sprechen (und bei einigen "Experten" die Unfähigkeit und Angst von ihren Positionen abzuweichen, die sie schon seit Jahrzehnten vertreten, obwohl jede Rationalität dagegen spricht). Die Cannabisprohibition verstößt gegen jegliche empirischen Erkenntnisse und Praxiserfahrungen (z. B. in den Niederlanden und anderen europäischen Staaten, ja sogar in den USA, Colorado um genau zu sein). Entsprechend setzt Müller fundierte Pro-Legalisierungs-Argumente entgegen, z. B.:
  • Durch Cannabis gab es niemals nachgewiesene Todesfälle, toxikologisch ist das auch gar nicht möglich (im Vergleich dazu möge man sich die Zahlen zu den legalen Stoffen Nikotin und Alkohol ansehen)
  • Schädliche Cannabiswirkungen sind oft identisch mit denen von Alkoholwirkungen (da ist das Ganze dann aber okay...)
  • Das Verbot hat nie etwas gebracht, 4-5 Millionen Deutsche konsumieren trotzdem, teils aus Genuss, teils auch aus medizinischen Gründen (Verbote und Null-Toleranz-Strategien haben weltweit versagt und der internationale Drogenkonsum stetig zugenommen)
  • Die derzeitige Kriminalisierung der weichen Droge Cannabis ist viel zu drastisch, trifft hptsl. Kleinstkonsumenten (keine Dealer!) und zerstört dort nicht selten Existenzen (Berufsleben, Führerscheinentzug etc.) => durch diese Kriminalisierung werden mehr Opfer geschaffen als durch die Droge selbst (gesellschaftlicher/beruflicher Abstieg/Probleme)
  • Überflüssige Kleinstverfahren (die von der Staatsanwaltschaft im weiteren Verlauf fallengelassen werden) müssen von der Polizeit aufgenommen werden, binden zeitlich die beteiligten Kräfte bei der Polizei und im Justizapparat und verschlingen so Unsummen an Steuergeldern
  • Kontrollierte Cannabis-Abgabe würde einen neuen Wirtschaftszweig und damit auch Steuereinnahmen in erheblicher Höhe generieren (einsetzbar für Präventions-, Bildungs-, Gesundheitspolitik)
  • Eine gut aufgestellte legale Cannabis-Abgabe (qualitativ hochwertiges Cannabis zu konkurrenzfähigen Preisen) lässt illegale Drogenstrukturen (Dealerei, organisierte Drogenkriminalität) überflüssig werden und verschwinden
  • Cannabis kann endlich als medizinisches Mittel verwendet werden (z. B. als Schmerzmittel oder Appetitanreger bei Rheuma, Krebs, AIDS etc.)
  • In der legalen und medizinischen Abgabe könnte der Staat Reinheit und Verfügbarkeit der Droge kontrollieren
Diese ganzen Argumente sind keineswegs Spinnerei und unterliegen auch keinem "Bauchgefühl" wie bei vielen Verbots-Befürwortern ("Das Zeug ist schon so lange verboten, das hab ich ja so gelernt, das muss ja schlecht sein!"). Es sprechen sich sogar bereits zahlreiche Strafrechtsprofessoren (der "Schildower Kreis") gemeinschaftlich für eine Cannabis-Legalisierung aus, da sie das Verbot/die Prohibition als gescheitert ansehen.

Was nicht heißen soll, das Müller Cannabis in seinem Buch falsch darstellt. Cannabis ist natürlich eine Droge, das sagt er auch ganz klar! Aber eben eine weiche Droge die ebenso legal erhältlich sein müsste wie Alkohol, da die Kriminalisierung seit Jahrzehnten weitaus mehr Schaden anrichtet als dass sie irgendwem nutzt. Legalisierung heißt für Müller nicht "Party für alle" sondern sinnvolle Schritte: Entkriminalisierung, Legalisierung, Regulierung. Und dabei soll auch stets der Blick auf Aufklärung und Prävention gerichtet sein und selbstverständlich Jugendschutz (also keine Abgabe an Jugendliche)!

Der Umgang mit Cannabis sollte von Reife, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung geprägt sein. "Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz", wie Müller hier so schön sagt. Und ein "Recht auf Rausch" nehmen die meisten Bundesbürger ja genauso wahr, indem sie Alkohol trinken. Da sollte jede/r Emsländer/in mal drüber nachdenken, wenn er/sie beim nächsten Schützenfest mal wieder hinters Zelt reihert, haha...


Im März 2015 wurde durch die Grünen ein Cannabiskontrollgesetz eingebracht, an dem auch Richter Müller mitgewirkt hat. Man darf abwarten was daraus wird. Denn hier setzt auch meine einzige Kritik an: Muss das Ganze nicht von vornherein am ideologischen Denken der meisten Parteien scheitern? Viele Gegner einer Cannabis-Legalisierung interessieren sich nach meinem Empfinden nicht für neue Aspekte in der Diskussion, weil sie es ja "immer so gelernt haben", dass Cannabis eine ganz schlimme böse Droge ist. Und an einigen Stellen sitzen in der Politik dann auch noch die absolut falschen Leute (Stichwort: Drogenbeauftragte Marlene Mortler/CSU). Im Zweifelsfall und bevor man zuviel nachdenken muss wird dann ohnehin auf Parteilinie geblieben. Wer denkt schon ernsthaft über womöglich sinnvolle Vorschläge anderer Parteien nach?!? Und wer macht sich als Cannabis-Gegner die Mühe ein Buch zu lesen, in dem offensichtlich eine Cannabis-Legalisierung befürwortet wird?!?

Na ja, einige Fragen kann ich mir selbst beantworten: Irgendwo müssen eben erste Schritte gemacht werden! Und auch ein solches Bucht wie "Kiffen und Kriminalität" gehört dazu, um die Diskussion um das Thema weiter in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn Andreas Müller ist nun mal nicht irgendwer, sondern deutscher Jugendrichter der immer wieder ein ordentliches Maß an Öffentlichkeit (durch Talkshows etc.) erzeugt. Wenn ein Jugendrichter schon so vehement für eine Legalisierung plädiert hat das eben doch mehr Gewicht, als wenn Birkenstock-Benno dir die Problematik an der Theke im Rockpalast erklärt... ;)

Gewisse Entwicklungen sind auch bereits erkennbar, vereinzelt sogar in den Reihen der CDU. Ach ja, und die FDP-Emsland ist auch schon Pro-Cannabis-Legalisierung! Ich bin mir noch nicht ganz sicher ob die damit eine jüngere Wählerschaft anpeilen oder ob die einfach mal durchgerechnet haben wieviel Steuergeld man damit einnehmen würde. Die Pro-Argumente hab ich ja oben stichpunktartig mal aufgeführt. Die sind nun mal eindeutig und auf Dauer auch nicht zu ignorieren.

Was das Buch angeht kann ich es ohne Weiteres empfehlen. Auch und vor allen Dingen denjenigen, die bei der Thematik unsicher sind oder eine Legalisierung sogar ablehnen (Stichwort "Bauchgefühl")! Denn Müller betreibt hier keine plumpe "Legalize It" Propaganda oder Verharmlosung sondern beleuchtet das Thema Cannabis sowie Kriminalisierung/Legalisierung ziemlich umfassend.

Auch für diejenigen die meinungsmäßig mit Müller auf einer Linie sind (wegen Hollandnähe kennt manch einer sich im Emsland ja mit Gras aus, munkelt man) kann das Buch noch was bringen. Die Argumente sind ausgefeilt dargestellt und werden sicherlich bei Diskussionen weiterhelfen. Und es werden auch viele Aspekte angesprochen über die man vielleicht noch nicht Bescheid wusste. Inklusive "lustiger" Anekdoten bei denen einem dann doch das Lachen im Hals stecken bleibt: Die "Kiffermerkmale" aus dem Schulungsprogramm der Polizei zum Beispiel... Außerdem steckt natürlich noch viel mehr im Buch, als ich in dieser eh schon viel zu langen Rezension unterbringen kann.

Mittlerweile durfte ich Richter Müller auch mal live erleben, nämlich am 22.11.2015 bei seiner Lesung im Kossehof zu Bokeloh. Was im Buch schon anklingt hat sich da bestätigt: Er selbst ist ein kleiner Polterer, durchaus auch mit Kodderschnauze und recht eigenwilligem Auftreten. Aber er ist nicht unsympathisch und vor allen Dingen jemand der seine Standpunkte glaubwürdig transportieren kann! Bei der Diskussionsrunde nach der Lesung gab es z. B. kaum Nachfragen oder Widerreden, obwohl bei der Frage "Wer ist hier für eine Legalisierung" bestimmt mehr als die Hälfte der zahlreich Anwesenden nicht aufgezeigt hatten...

Ich persönlich hatte jedenfalls die Hand gehoben, wobei ich jetzt auch nicht der ausgesprochene "Pro-Weed-Aktivist" bin. Viele der Argumente waren mir vorher schon klar und sind halt absolut rational und logisch, nicht nur durch die "grüne Brille" betrachtet. Das wird mit diesem Buch noch mal wieder absolut klar!

[Bombe]

Donnerstag, 9. Juli 2015

Reviews: SWAMPHEAD - Alive (CD)

SWAMPHEAD – Alive
CD | LandMusik/Reich und berühmt Musikverlag | 14 Songs - 50:52
Minuten | www.swamphead.de

Halleluja, das erste SWAMPHEAD Album ist da! Der erste Satz der mir zu der Scheibe einfällt ist wohl: "Gut Ding will Weile haben..." Erste Rohmixe gab es nämlich schon 2011, auch immer wieder neue Ankündigungen zum Release, aber dass es dann noch mal vier Jahre dauert bis das Dingen tatsächlich rauskommt ... puh! Ich dachte zwischenzeitlich schon das wird ein zweites "Chinese Democracy", haha...


Aber: Das Warten hat sich gelohnt, die Platte ist 'ne gute geworden! Was ja auch kein Wunder ist, da die Jungs aus circa 20 Jahren Songmaterial schöpfen konnten. Was mich auch schon zu der Frage führt: Muss ich auf einem "Emsland-Blog" zu SWAMPHEAD noch groß was sagen?!?

Also kurz abgerissen aus meiner (absolut subjektiven) Sicht: Mitte der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts war die Band einer der wichtigen Stützpfeiler der Bandszene im mittleren Emsland. In Haren und Umgebung gegründet und anfangs noch unter dem Namen ALIVE unterwegs (schöne Referenz im Albumtitel übrigens) nannte man sich bald SWAMPHEAD und spielte in der Region förmlich an jeder Pommesbude. Jeder kannte sie, jeder mochte sie und mit ihrem schmissigen Grungerock (ich nenn das jetzt einfach mal so) waren sie auch richtig gut. So gut, dass man natürlich auch gerne den größeren Sprung wagen wollte - von der Musik leben und so... Es kam ein Management ins Spiel, überregionale Touren (u. a. mit den LEMONBABIES) und sie saßen sogar bei Enie van de Meiklokjes auf dem BRAVO TV Sofa (da bin ich mir aber nicht sicher, ob das jemals ausgestrahlt wurde, haha)...

Trotzdem blieben sie der Region treu, waren z. B. eng mit der Organisation vom "Nils Festival" in Versen verbandelt, lebten dort teilweise auf dem legendären Bauernhof, lagen vereinzelt mal auf der Veranda vom Meppener BACKWOOD CREATURES Häuschen rum und ließen sich die Nippel piercen und feierten immer fleißig die berüchtigten "Haren-Haar-Parties" bei Hubi's Oma auf'm Hof mit, hehe...

Die Band startete aber nicht so wirklich durch, so dass das Ganze sich irgendwie im Sande verlief. Ich weiß gar nicht ob es jemals eine offizielle Auflösung gab, aber Peter und Mücke (beide Gitarre) gingen irgendwann mit Hubi (Schlagzeug) nach Berlin. Dort sah man sie ein paar mal im Fernsehen (als Backingband für ROSENSTOLZ und irgendeinen Teenie-Star) bevor sie dann zu dritt EL*KE (nette Emsland-KFZ-Zeichen-Referenz) gründeten. Damit waren sie ein paar Jahre unterwegs, auch leidlich erfolgreich, aber irgendwann schloss sich auch dieses Kapitel.

Die Gebrüder Strodt blieben derweil im Emsland, Marco (Bass) dürfte einigen heute als Darsteller von "Opa Anton" bekannt sein während Chris (Gesang) immer mal wieder an verschiedenen Musik-Projekten beteiligt war. Nach dem Ende von EL*KE heuerte Mücke übrigens als zweiter Gitarrist bei MADSEN an, verbringt seine meiste Zeit aber wieder im Emsland, wo er mit FREE MAN (die ich hier auf dem Blog schon desöfteren unter ihrem alten Namen MAMAHARA abgefeiert hab) auch wieder eine cool-chillige Combo am Start hat. Peter ist immer noch in Berlin und mittlerweile Frontmann von BOLLMER bei denen Hubi (neben diversen anderen Bands, u. a. SERGE) auch Schlagzeug spielt.

Oh man, "kurz abgerissene Bandgeschichte" und jetzt wieder so'n Aufsatz, sorry, haha...


Zurück in die Gegenwart: Das Kapitel SWAMPHEAD wollten alle Fünf aber wohl nie so ganz ruhen lassen. Zwar gab es von der Band 1998 mal eine 4-Song-EP (gibt's als Free-Download auf der Band-Homepage) aber leider nie ein ganzes Album. Also haben sie bei Bandmentor Wolfgang "Buffy" Albers insgesamt 14 Songs eingespielt, von denen der jüngste auf 2011 und der älteste auf 1994 datiert. Und - zack - nach 20 Jahren Wartezeit gibt es nun die erste richtige SWAMPHEAD "Full-Length"!

Na ja, "zack" ist so dahingesagt, die Release-Verzögerung hatte ich ja schon eingangs erwähnt. Aber das Ergebnis entschädigt natürlich absolut. Die alten Ohrwürmer sitzen noch und bei einem Song wie "Perfect" fühle ich mich gleich, als stünde ich 1999 besoffen in der Mehrzweckhalle Herbrum vor der Bühne ... geiles Feeling, haha! Die "alten Veteranen" kennen das Gefühl und die jüngeren Semester checken das SWAMPHEAD-Album hoffentlich auch mal an. Hier gibt's keinen "Altherrenrock", das hier ist coole druckvolle Rockmusik mit leichtem Grunge/Alternative-Einschlag, guten Riffs, eingängigen Pop-Hooks, da kannste nix mit falsch machen... Von der Uptempo Bratznummer (z. B. "Lovely D.") bis zur Akustikschmonzette ("See How") alles dabei was das Herz begehrt. Gibt's auch bei iTunes und wie der ganze neumodische Scheiß heißt, die CD kommt aber im schicken Digipak.

Jetzt noch 'ne "20-Euro-Frei-Saufen" Release-Party mit Tequila-Bar in der Haren-Haar-Scheune und ich flipp vollkommen aus! Tut es!!! Rockpalast reicht aber evtl. auch... ;)

[Bombe]

Dienstag, 7. Juli 2015

Buch-Review: Andreas Müller - Schluss mit der Sozialromantik! (Buch)

Andreas Müller - Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz
Taschenbuch | Verlag Herder | September 2013 | 240 Seiten | ISBN-10: 3451309092 / ISBN-13: 978-3451309090

Nanu, ein Buch von einem Jugendrichter? Was soll das auf dem Minus-Rockcity-Meppen Blog? Na ja, der/die ein oder andere wird vielleicht wissen, dass Jugendrichter Andreas Müller nicht nur aus Funk und Fernsehen (diverse Talkshows, Expertenrunden, Interviews etc.) bekannt ist, sondern gebürtig aus Meppen kommt. Und "Meppen" (ich benutze den Begriff jetzt einfach mal abstrakt personal, da ich in letzter Zeit auch immer von "Typisch Meppen" usw. lese ... es scheint hier also wohl sowas wie eine angenommene Schwarm-/Kollektivintelligenz zu geben) rühmt sich ja gerne der Söhne und Töchter der Stadt, die es zu was gebracht habe - selbst wenn die schon längst nicht mehr hier leben, da unser schöner kleiner Ort nun mal nicht die absolut steilgeilen Karrieremöglichkeiten bietet und man besser wegzieht wenn man was aus sich machen will. Meppener bleibt man aber offensichtlich lebenslang...

Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik! (Der Einband hat beunruhigende Ähnlichkeit mit Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab", davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen...)
Bei Andreas Müller verhält es sich so, dass er als Jugendrichter in Bernau (in Brandenburg, direkt bei Berlin) gelandet ist und dort seit den Neunzigern einige aufsehenerregende Prozesse im Jugendstrafrecht geführt hat und nebenbei auch durchaus (wie eingangs erwähnt) medienaffin in der Öffentlichkeit agiert, also auch öfter mal im Fernsehen auftaucht wenn es um entsprechende Themen wie Jugendstrafrecht geht. Aufgrund seiner Meppener Wurzeln lasse ich ihm jetzt auch mal die Ehre einer Buchbesprechung auf dem Minus-Rockcity-Blog zuteil werden, da er mit "Schluss mit der Sozialromantik!" vor nicht allzu langer Zeit ein relativ vielbeachtetes Buch geschrieben hat.

Wer bei Justizthemen jetzt an dröge Gesetztestexte denkt, die sowieso kein Normalsterblicher versteht, der sei beruhigt: Das gesamte Buch ist absolut verständlich und bodenständig geschrieben. Speziell wenn Müller z. B. mal wieder davon berichtet, wie er in seinem Kiez Bier trinken war "menschelt" es immer sehr. Wie ich so hörte ist er auch desöfteren noch mal in Meppen am Bier trinken, da hab ich ihn aber immer verpasst. Ärgerlich...

Ärgerlich deshalb, weil Müller rein persönlich ein sehr interessanter Mensch zu sein scheint. Ihm eilt durch seine teils harten Urteile immer wieder der Ruf als "Richter Gnadenlos" voraus, was er in dem Buch aber ganz gut relativiert. Er bringt sehr viel Persönliches ein und man merkt, dass sich hier ein Typ äußert, der absolut für seinen Beruf brennt.

Was den Inhalt des Buchs betrifft fällt natürlich zunächst mal der ziemlich plakative Titel auf. Gepaart mit Müllers Ruf als "hartem Hund" könnte man bei "Schluss mit der Sozialromantik!" natürlich erstmal meinen, dass er hier die absolute Keule gegen jugendliche Straftäter schwingt. Dem ist aber nicht so! Denn der Begriff "Sozialromantik" hat bei ihm zweierlei Lesart:
  1. Die "weiche" linke Sozialromantik, auf die der Titel sicher auch abzielt. Sprich: Milde, statt Arrest oder Jugendhaft immer wieder erzieherische (ambulante) Maßnahmen, Sozialstunden etc.
  2. Das genaue Gegenteil, nämlich die "harte" rechte/konservative Sozialromantik: kompromisslose stationäre Maßnahmen wie Arrest, Freiheitsentzug, verschärfte Jugendstrafen etc. oder z. B. auch Warnschussarrest als "Allheilmittel".
Müller zeigt in seinem Buch recht deutlich die negativen Seiten beider Sichtweisen auf. Basierend darauf fordert er eine Reform des Jugendstrafrechts mit besser durchdachtem und organisierterem Eingreifen. Er sieht das deutsche Jugendgerichtsgesetzt zwar generell als gut an, allerdings könnte es seiner Meinung nach stellenweise besser gemacht werden.

Das Ganze handelt er an einem Schwung von Fallbeispielen aus seiner Richterlaufbahn ab, die derzeitige Probleme von Jugendrichtern und Gerichten relativ deutlich machen: Zeitmangel der Richter, so dass wirklich sorgfältiges Arbeiten kaum möglich ist. Und was für mich als Nicht-Fachmann im Bezug auf Strafjustiz besonders erschreckend war: Die offensichtliche Langsamkeit und fehlende schnelle Informationsweitergabe der staatlichen Stellen an den Schnittstellen zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten. Die offensichtlich mangelnde Kommunikation/Vernetzung und/oder Verantwortungsgerangel staatlicher Stellen (vor allem bei Intensivtätern) stimmt schon bedenklich ... passt aber irgendwie auch ins Bild, das manch einer von deutscher Bürokratie hat.

Müller hangelt sich recht anschaulich an seinen "Lieblingsthemen" entlang, um genau zu sein Rechtsradikalismus/Ausländerfeindlichkeit (den er in seinem richterlichen Zuständigkeitsbereich Bernau stark eindämmte) und vor allen Dingen dem Umgang mit Intensiv- und Wiederholungstätern. Dabei legt er nachvollziehbare Instrumente dar, die in dem Bereich wünschenswert wären, wie z. B. Generalprävention im Täterumfeld (Signal an die "Szene" um gewisse Täter, dass schnell, effektiv und hart gegen sie vorgegangen wird) und auch "Erziehungsrichter" (die sich z. B. ggf. um Problemfamilien kümmern und kriminellen Karrieren vorbeugen).

Ein "Nebenschauplatz" sind auch seine Ansichten zur Entkriminalisierung von Cannabis, die der/die ein oder andere sicher auch interessant und sinnvoll finden könnte, so er/sie denn kein dogmatischer Verfechter der "rechtskonservativen Sozialromantik" ist... Aber in Meppen fordert ja sogar schon die FDP eine Cannabis-Legalisierung, haha...

Die grundsätzliche Stoßrichtung des Buches ist also kein "Strafe um jeden Preis für jugendliches Gesindel", sondern eine nach meinem Verständnis durchaus moderate und an Beispielen belegte Forderung nach besseren Instrumenten im Jugendstrafrecht. Nach Müllers Verständnis müssen die Richter mit diesem vernünftigen Handwerkszeug dann angemessen umgehen. Manchmal hart (bei Wiederholungs-/Intensivtätern), manchmal eben mit gewisser Nachsicht. Härte des Gerichts darf kein Selbstzweck sein und es gibt auch kein Patentrezept zur Anwendung von Milde oder Härte. Es muss in jedem einzelnen Fall mit Vernunft und Augenmaß geurteilt werden und Jugendlichen muss generell mit Zuwendung aber auch mit Konsequenz und Klarheit begegnet werden.

Im Grunde genommen Selbstverständlichkeiten sollte man meinen, aber Müller legt in seinem Buch halt dar, dass es an einigen Stellen in der deutschen Strafjustiz wohl doch ziemlich hapert. Beruhigend auch, dass er sich der tiefgreifenden Auswirkungen die sein Richterurteil auf Täter haben kann sehr bewusst zu sein scheint, aber auch der Verantwortung die er gegenüber den Opfern hat. Da kann man nur hoffen, dass seine Richterkollegen in der Bundesrepublik ähnlich selbstreflektiert sind.

Stichwort Richterkollegen: Einen nicht unerheblichen Teil von Müllers Buch nimmt auch die Richterin Kirsten Heisig ein, die seit 2001 wichtige Mitstreiterin in seinen Standpunkten war. Sie war Begründerin des "Neuköllner Modells" die ebenso kompromisslos gegen Berliner Intensivtäter mit Migrationshintergrund vorging wie Müller gegen die rechtsradikale Szene in seinem Bezirk Bernau. Im Jahr 2010 beging Heisig Selbstmord, ein Fall der auch durch die Presse ging.

Da kommen wir auch an einen Punkt wo Müller in seinem Buch förmlich die Hosen runterlässt, ums mal flapsig zu sagen: Er streut immer wieder persönliche Geschichten ein und berichtet auch recht freimütig und ehrlich von seinen Schwächen und Problemen. Speziell seine Jugend in Meppen war nicht immer leicht, da er einen alkoholkranken Vater und einen drogensüchtigen Bruder hatte. Nicht unbedingt die einfachste Konstellation, wie sicherlich der/die ein/e oder andere nachvollziehen kann, der/die ebenfalls in diesem ländlichen Milieu groß geworden ist. Richtig schlucken musste ich dann als Müller über seine späteren psychischen Probleme wegen Überarbeitung und daraus folgernde Depressionen erzählt.

Alles in allem ein sehr interessantes Buch mit klaren Standpunkten. Es ist natürlich festzustellen, dass Müller sich teilweise auch in seiner Rolle als "unkonventioneller und unbequemer Gegen-den-Strom-Schwimmer" gefällt, aber solche Leute braucht man wahrscheinlich auch um Veränderungen anzustoßen. Ob solche Veränderungsforderungen in einer bundesdeutschen "Ära Merkel" (die nach meinem Empfinden eher auf Stillstand bzw. Wahrung des Status Quo ausgerichtet ist) in der Politik nicht eher auf taube Ohren stoßen steht wohl auf einem anderen Blatt...

Wer sich jedenfalls mal mit den angesprochenen Themen auseinandersetzen möchte, dem kann ich für das Buch vom Herrn Müller durchaus eine Leseempfehlung aussprechen. Mal gucken ... vielleicht treffe ich ihn ja doch noch mal des nächtens an irgendeinem Meppener Tresen, dann kann man vielleicht noch den ein oder anderen Punkt besprechen, haha...

[Bombe]

Mittwoch, 18. März 2015

Buch-Review: Andre Lux - Drakula gegen Dracula (Buch)

Andre Lux - Drakula gegen Dracula
Taschenbuch | Engelsdorfer Verlag | Januar 2015 | 179 Seiten | www.drakulagegendracula.de | ISBN-10: 3957445248 / ISBN-13: 978-3957445247

Es wird mal wieder Zeit für ein Buchreview auf dem Minus Rockcity Meppen Blog ... diesmal aber nichts über das Emsland bzw. von emsländischen Autoren! Nein, diesmal was von einem alten Bekannten von mir. 1A Vetternwirtschaft also, haha... Andre Lux kenne ich noch über sein altes Musiklabel (That Lux Good Records), wo er diverse Scheiben von tollen DIY-Hardcorepunkbands (u. a. DERBY DOLLS, LIBERTY MADNESS und ein ganzer Schwung andere) veröffentlicht hat. Da die Leserschaft dieses Blogs sich aber wahrscheinlich hauptsächlich aus emsländischen Kleinstädtern mit minderwertigem Musikgeschmack rekrutiert, wird von euch wohl keine Sau dieses Label bzw. dort veröffentlichte Bands kennen, haha...

Andre Lux: Drakula gegen Dracula - Schönes Buch, schöner Teppich, lecker Schinkenhörnchen!
Neben seiner Aktivität als Labelbetreiber dürfte Andre dem ein oder anderen aber vielleicht durch seine "Egon Forever" Strichmännchencomics (www.facebook.com/egonforever) bekannt sein. Diese wunderbar obskur-minimalistischen Dinger stehen ja glaub ich sogar ab und an in der "Intro", also dem Gratis-Medium für emsländische Kleinstädter mit minderwertigem Musikgeschmack, haha...

Wow, nach 2 Absätzen schon 2 Haken auf der "Leserschaft-beschimpfen-Checkliste", ich klopfe mir selbst auf die Schulter! Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Andre Lux... Also: Geiler Typ, merkt ihr schon! Jetzt hat er mit "Drakula gegen Dracula" auch noch ein Buch geschrieben. Mit knapp 180 Seiten bewegt sich das Ding wohl irgendwo im Bereich Kurzroman/Novelle, liest sich also ziemlich schnell weg, selbst wenn man nicht so über die allerhöchste Aufmerksamkeitsspanne verfügt.

Der Titel "Drakula gegen Dracula" lässt es vielleicht schon erahnen: Es geht um Vampire! Puh, ich geb's zu, ich hab seit jeher einen leichten Tick für die Thematik... Seit "Twilight" muss man im Vampirgenre aber allzuoft mit pseudoromantischer Hausfrauenkacke oder "Young Adult" Grütze rechnen...

Aber Andre Lux - sein oben beschriebener Lebenslauf ließ es vielleicht schon erahnen - bewegt sich natürlich weitab solcher Klischees. Hier wird mit wirrem Humor und massig Anspielungen auf Pop- und Trashkultur nur so um sich geworfen. Da passt es ins Bild, dass sogar Uwe Boll seine Empfehlung für das Machwerk ausspricht!

Zur Handlung:
Wer den echten "Dracula" von Stoker gelesen hat, wird sich an den anfänglichen Reminiszenzen an die Reise zum Grafen erfreuen - nur dass hier kein englischer Rechtsanwaltsgehilfe per Postkutsche nach Transsylvanien reist und düstere Warnungen von kauzigen Gastwirten ignoriert, sondern ein Jungreporter im Auto durch Idaho düst um eine Art "Watch My Crib" Reportage bei einem mysteriösen reichen Kerl zu machen, ohne auf die finsteren Warnungen eines Tankwarts zu hören...

Danach... Tja, danach rotiert die Geschichte schnell in einen wahnwitzigen Strudel aus irren Wendungen, Ortswechseln (von Idaho geht's über Österreich bis in den Schwarzwald und zurück), blutigen Morden, Organhandel, komplizierten Liebesbeziehungen, schwierigen Vater-Tochter-Verhältnissen, Alltagsproblemen verfluchter Vampire, entflohenen Riesenkobras und natürlich Schinkenhörnchen!!!

Ein irrer Ritt also, teilweise wie John Sinclair auf Speed der an den Haaren in einer Splatterkomödie der Zucker-Brothers herbeigezogen wird! Wer sich darauf einlässt wird hier sicherlich seinen Spaß haben ... ich hatte ihn jedenfalls. Rein literarisch ist "Drakula gegen Dracula" natürlich kein Meisterstück, aber ich denke das war auch nicht die Intention des Ganzen. Das hier funktioniert eher wie ein 2-Minuten-Punksong: Laut, kurz, simpel, schrill und es batscht ordentlich!

Wer sich ein bisschen mit Trashkultur anfreunden kann und gerne über absurde Stories lacht, der wird mit "Drakula gegen Dracula" auf jeden Fall seinen Spaß haben. Wer zum Lachen lieber in den Keller geht, kann dort stattdessen gerne mit dem Ghoul auf dem Tablet Pornos gucken, haha...

Ach ja: "Drakula gegen Dracula" gibt’s nicht nur als Buch, sondern bei Amazon auch digital für den Kindle ... wenn euch nicht stört, dass Amazon böse ist und so…

[Bombe]

Freitag, 10. Oktober 2014

Review Emslandbücher: Burkhard Rüth - Sterbenslang (Buch)

Burkhard Rüth - Sterbenslang
Taschenbuch | Emons Verlag | 368 Seiten | www.burkhard-rueth-krimis.de


Als ob ich nicht schon genug Bücher zu Hause hätte, hab ich mich in der letzten Zeit mal umgeguckt was es für Literatur gibt, die im Emsland spielt, bzw. die von emsländischen Autoren geschrieben wurde (weitere Tipps durchaus erwünscht). Je nachdem wie ich zeitlich zum Lesen komme werde ich an dieser Stelle dann mal vollkommen subjektiv abstottern was es zu den einzelnen Titeln zu sagen gibt. Diesmal geht’s also los mit "Sterbenslang" von Burkhard Rüth.

Regionale Kriminalgeschichten scheinen in den letzten Jahren ja ein kleiner Trend zu sein. Im Norden dürften von anderen Autoren die Ostriesen-Krimis evtl. ein Begriff sein. Und nachdem Burkhard Rüth schon ein paar in Südtirol angesiedelte Bücher geschrieben hat, trägt dieses nun den Untertitel "Emsland Krimi".



Der Plot im Schnelldurchlauf: Das Geschehen spielt größtenteils im November 2013 im Emsland und es geht um eine Mordserie der sich zwei lokale Ermittler annehmen. Mordserie? Im Emsland? Okay, das mag dem gemeinen Einheimischen etwas weit hergeholt erscheinen. Grundsätzlich ist das Ganze auch eher ein importiertes Übel, denn die Morde geschehen zwar im Emsland, haben aber einen anderen Hintergrund. Ohne zu sehr zu spoilern kann ich natürlich sagen, dass sich am Ende kein abgrundtief böser emsländischer Serienkiller hinter der Mordserie verbirgt. Wäre ja auch zu schön gewesen, denn hier ist die Welt halt noch in Ordnung, haha...

Es geht eher um einen Rachefeldzug gegen ein korruptes Geflecht aus Richtern, Beamten und Anwälten. Die gute alte Selbstjustiz sozusagen, denn den Opfern werden bizarre Prozesse um ihre angeblichen Vergehen gemacht, die (natürlich) immer mit einem Todesurteil enden. Wer sich fragt was es mit dem Romantitel auf sich hat: Das Urteil lautet am Ende der Prozesse statt "Lebenslang" eben "Sterbenslang" - und die Delinquenten segnen danach auf mehr oder minder grausige Art und Weise das Zeitliche. Ein sprachlicher Kniff der einem förmlich die Schuhe auszieht, was?!? ^^

Soweit zum Inhalt. Wie fast schon zu erwarten, bedient sich der Roman in der Erzählweise bei allerlei Krimi-Klischees. Allen voran natürlich das skurrile gegensätzliche Ermittlerduo Matthias Altrogge (alteingesessener Emsländer) und Ulrich von Ritterswürden (frisch Zugezogener aus Dortmund und in der Wahl des bescheuertsten Protagonisten-Namens 2014 ziemlich weit vorn), die sich - Überraschung - allerlei humorige Kämpfchen auf persönlicher Ebene liefern. Und natürlich jeder für sich auch mit diversen inneren Dämonen rumboxt. Ein uraltes Krimi-Motiv, kürzlich beispielsweise in der US-Serie "True Detective" ganz gut umgesetzt (ernsthafte Version), in "Sterbenslang" (ironisch-lustige Version) nur so na ja... Dabei hätte man speziell mit den Eigenheiten der emsländischen Ureinwohner doch hervorragend spielen können. Kauzig, einsilbig, verschroben, maulfaul... Schade, Chance nicht genutzt! Wobei ich auch nicht wirklich etwas zum Emsland-Hintergrund von Burkhard Rüth sagen kann. Er wohnt anscheinend in Kiel, das allwissende Internetz sagt bzgl. Emsland aber auch was davon, er sei "tief verwurzelt [...] mit der Region [...], in der er lange gelebt hat"...

Auch wenn ich nicht das absolut hochkomplexe deutsche Krimi-Highlight erwartet habe, wirkt mir der gesamte Erzählstil alles in allem etwas statisch. Einerseits verlieren sich einige Erzählstränge einfach mir nichts dir nichts. Andererseits werden einige Charaktere näher eingeführt, um dann zu verschwinden und nie wieder aufzutauchen (z. B. Familie Henkemeier, die eines der Opfer findet). Das Ganze hätte man im Geschichtenaufbau und nach Prüfung von einem guten Lektor teilweise schlüssiger erzählen können. Auch das Hin- und Herspringen zwischen den lokalen Schauplätzen wirkt etwas bemüht, als ob der Autor sich vorab ein paar interessante Sehenswürdigkeiten (Stichwort: "Straße der Megalithkultur" etc...) zusammengestellt hat und die im Laufe der Geschichte "abklappert", ohne dass dabei nachhaltig Atmosphäre entsteht.

Zusammenfassend gesagt: Hier sollte niemand ein ähnliches Niveau wie z. B. bei den angesagten skandinavischen Krimi/Thriller-Platzhirschautoren erwarten. Hier gibt’s relativ solide mittelmäßige Unterhaltungsliteratur, nicht mehr nicht weniger. An einigen Stellen durchaus verbesserungswürdig, aber generell nun mal eher so ein "Urlaubsroman", den man schnell nebenbei im Flugzeug oder im Zug durchlesen kann ohne sich schlecht unterhalten zu fühlen. Für Emsländer eben interessant weil die Geschichte hier vor Ort spielt und man einige Schauplätze kennt.

Offensichtlich soll "Sterbenslang" den Auftakt zu einer Emsland-Krimireihe des Autors bilden ... also mal sehen was da noch kommt. Burkhard Rüth ist in den nächsten Wochen auch im Emsland unterwegs:
  • Heimathaus Sögel, 06.11.2014: Lesung aus Sterbenslang
  • Sögel, Clemenswerther Hof, 21.11.2014, 19.00 Uhr: Theateraufführung
  • Sögel, 06. und 07.12.2014 "Advent auf Schloss Clemenswerth"

Montag, 26. Mai 2014

Reviews: MASKED INTRUDER - M.I. CD/LP


MASKED INTRUDER – M.I.
CD/LP | Fat Wreck Chords | 13 Songs - 30:12
Minuten | www.facebook.com/maskedintruder

Zweites Album von diesen bunten Vögeln aus dem Amiland. Keiner weiß genau wer sich hinter den Masken verbirgt, es gibt Verdächtige, ich sag aber besser mal nix... ;)

Die Debütscheibe von MASKED INTRUDER war jedenfalls bei Erscheinen im Februar 2013 ein ziemlicher Hit für alle Liebhaber von Oldschool-Poppunk auf der ganzen weiten Welt. Die neue Platte schließt dort jetzt sozusagen nahtlos an. Bei manchen Bands frage ich mich ja, ob die eine Art "Geheimrezept" für ihren Sound haben. Bei MASKED INTRUDER kann man es vielleicht auf diese Formel runterbrechen: Man nehme 40 Teile CHIXDIGGIT, mische das mit 30 Teilen NERF HERDER und werfe anschließend noch 10 Teile WEEZER und 10 Teile GREEN DAY mit rein. Kräftig umrühren, und wem das noch nicht aufregend genug schmeckt, der würzt die Suppe noch mit 10 Teilen bunter PUSSY RIOT Skimasken! Und fertig ist das fest perfekte Album für den Punkrock-Sommer 2014!!!


Ich sage übrigens "fast perfekt", weil der Sound und die Produktion zwar absolut perfekt sind, sich für meinen Geschmack aber auch ein bisschen zu glattpoliert anhören. Aber nun, was soll's... Man wird jedenfalls vollkommen hinweggespült von riesigen Wellen an Bubblegum-Melodien und vollkommen sinnlosen/todernsten Texten über Nerd-Liebe, wunderschöne Mädchen, Geek-Liebe, unerreichbare Mädchen, wie man aus dem Gefängnis frei kommt, Weirdo-Liebe, nächtliches Herumstreunen um die Häuser der Mädchen, Lovers against the law, einsame Samstagabende und - nicht zu vergessen - Liebe im Allgemeinen! Und Skimasken! Und mit "Almost like we're already in love" haben MASKED INTRUDER sogar einen waschechten Doo-Wop/A-capella Song im Programm. Sehr gut gemacht, ich ziehe meine Skimaske. Kann man sich auf jeden Fall besser antun als den 08/15 Melodycore-Schrott, der sonst immer so auf dem Label rauskam, hehe... (musste ich jetzt schreiben um noch 'n paar Leute anzudissen ^^)

Demnächst tourt die Band auch durch Europa, ich denke da bin ich auch am Cut. Hier sind die Daten:


-bernd (übersetzt vom CRKO Fanzine-Review)

Mittwoch, 12. Februar 2014

Reviews: BELLA WRECK - s/t LP


BELLA WRECK – s/t
LP | Mirabella Wreckchords | 14 Songs - 36:04 Minuten


Heute mal ein Review unter der Überschrift "Emsland-Exilanten", bzw. "Was macht eigentlich ... ?" Wie ja (hoffentlich) jeder Emsländer weiß, zogen die drei ehemaligen SWAMPHEAD-Bandkollegen Mücke, Peter und Hubi vor ein paar Jahren geschlossen nach Berlin um dort anderweitige musikalische Pfade zu beschreiten. Dass man die Jungs daraufhin auch mal in einer VOX-Fernsehdoku als Backingband für einen Newcomer-Teeniestar (leider nichts geworden) und auch als Hintergrundmusikanten für ROSENSTOLZ bei irgendeiner NDR-Talkshow sah, gehört wohl zu den weniger coolen Business-Seiten, wenn man mit Musikmachen Geld verdienen will. Aber sei's drum, denn die drei hatten mit EL*KE kurz darauf ja auch eine ordentlich schmissige und durchaus erfolgreiche deutschsprachige Indierockcombo am Start.

Die Geschichte dürfte ab da ja auch dem halbwegs informierten Emskopp bekannt sein, denn EL*KE waren fleißig auf Tour, u. a. natürlich auch in der "alten Heimat" Emsland (z. B. beim Rüt'n'Rock Festival etc.). Leider war irgendwann auch mit EL*KE Schluss, auch wenn ich jetzt gar nicht sagen kann, ob es da jemals eine offizielle Auflösung gab...

Wie dem auch sei, muckemäßig aktiv sind die Jungs natürlich immer noch - Mücke ist als Tour-/Sessiongitarrist mit MADSEN ziemlich präsent (öfter auch mal in der Glotze); Peter hat gerade mit BOLLMER (Facebook-Page) sein neues Solo-Projekt aus der Taufe gehoben; und Hubi ... tja, Hubi spielt bei BELLA WRECK (www.facebook.com/bellawreckberlin)!

Mannoman, drei Absätze gebraucht bis ich zu der Band übergeleitet hab, um die es hier eigentlich gehen soll, haha... Aber egal! Mit BELLA WRECK stürzt sich Hubi jedenfalls kopfüber in den Rock'n'Roll-Wahnsinn! Mit seinen anderen Bands hat das musikalisch nur bedingt was zu tun, denn BELLA WRECK graben ganz tief in der Rock'n'Roll/Glam/Retro-Kiste, ohne dabei angestaubt zu klingen. Im Gegenteil: Das gesamte Album (übrigens vorerst nur auf Vinyl erhältlich - oldschool, keine CDs, keine Downloads) schreit eher nach Party und Bierdusche!

Die anderen Bandmitglieder sind auch nicht gerade unbeschriebene Blätter, als Beispiel sei mal Gitarrist Jens genannt, der vorher mit den GODS OF BLITZ unterwegs war. Die waren ja auch deutschlandweit recht angesagt und diverse Male im Emsland zu Gast (2x Lingen, 1x RüRo), wobei mir im Lingener Schlachthof damals schon mal das RADIO BIRDMAN Tattoo von dem Typen aufgefallen war. Und in diese Kerbe schlagen nun auch BELLA WRECK: Wilder Seventies-Aussiepunk wird mit STOOGES-artigem Proto-Punkrock gekreuzt und mit NYC-Retro-Glamzutaten aus der NEW YORK DOLLS/HEARTBREAKERS Küche abgeschmeckt.

Hmm, ich befürchte das es im Emsland womöglich Leute gibt, denen mein wildes Bandnamedropping da oben nicht so viel sagt. Daher für die Leute die leider keine tiefschürfende musikalische Sozialisation genießen durften eine einfachere Zusammenfassung: Wenn ihr - sagen wir mal - auf die Eingängigkeit und (Hard-)Rockigkeit der späteren HELLACOPTERS steht, dann dürften BELLA WRECK genau das richtige für euch sein!

Es dürfte natürlich klar sein, dass das Rock'n'Roll-Rad auch von BELLA WRECK nicht unbedingt neu erfunden wird. Aber es gibt halt Bands die können es richtig rüberbringen und zu denen gehören die Berliner definitiv! Bock auf Hemd durchschwitzen, Matte schütteln und Schuhe durchtanzen? Dann seid ihr hier richtig! Egal ob's mal garagig-krachig zugeht wie in "Fun" oder solche Ohrwürmer wie "1000 Years" oder "Trash" rausgehauen werden - hier passt es einfach wie Arsch auf Eimer! Dementsprechend wurde mit dem großmauligen Promo-Spruch "Finally!! Berlin has a REAL rock'n'roll band!!!" der Mund auch nicht zu voll genommen, hehe...

Wer 'ne geile Rockscheibe haben will, sollte sich das BELLA WRECK Album also dringendst anschaffen. Ich hab kürzlich schon ein halbes Dutzend an die Ems geordert und bin bereits ausverkauft! Wer eher auf anderen Sound steht, für den hat Hubi aber vielleicht auch noch was in petto, denn mit SERGE (Reverbnation-Page) hat er noch eine weitere Combo am Start. Einfach mal reinhören. Und das fertig eingespielte SWAMPHEAD-Album harrt ja auch schon seit Ewigkeiten des Endmixes, ich drück die Daumen, dass da bald das Endprodukt am Start ist... ;)

Ganz egal wie, ich hoffe Hubi steht bald endlich mit einer seiner Bands mal wieder im Emsland auf der Bühne! Wird Zeit! ^^ (Bernd)


Dienstag, 29. Oktober 2013

Review: CHRISTIAN STEIFFEN

CHRISTIAN STEIFFEN - Arbeiter der Liebe
CD | Warner | 14 Songs - 49:39 Minuten

Halleluja! Lange haben wir drauf gewartet, jetzt ist sie endlich da: Die erste Langspielplatte (was ist eigentlich mit Vinyl?!?) von Christian Steiffen! Tja, fertig war das Album wohl schon lange, aber das ist halt das Elend wenn man auf einem Majorlabel wie Warner veröffentlicht ... da bleiben solche Rohdiamanten auch mal ein paar Monate bis zur endgültigen Veröffentlichung liegen...


Dass die Scheibe geteilte Meinungen hervorrufen wird, war vorher natürlich auch schon irgendwie klar. Da ich mit meinem Review (wie immer) ziemlich spät dran bin, durfte ich u. a. schon recht unmotivierte Verrisse von INTRO und 1LIVE lesen. Pfui! Na ja, nichts ist leichter als ein unmotivierter Verriss - den könnte ich jetzt auch raushauen, da ich mir die CD (im schicken Digipak übrigens) gekauft und nicht als Promoexemplar angefordert hab. (Allzuviele Reviewvögel sind ja persönlich beleidigt wenn sie nicht alles für lau in den Arsch geblasen bekommen...) Allerdings hab ich meine Nase im Laufe der Jahre auch tief genug in irgendwelcher Musikkritikerschmierfinkenscheiße gehabt, um mich heutzutage bewusst aus diesem Hamsterrad rauszuhalten. Und ich bin ganz froh nicht zum verbitterten saturierten pseudointellektuellen Honorarschreiber geworden zu sein. Denn Musik ist eine Sache die ich liebe, da hab ich keinen Bock mich mit Veröffentlichungen auseinanderzusetzen, auf die ich ja eigentlich gar keine Lust habe... Und Stichwort Liebe: Das ist womöglich genau das Gefühl, was die armen Wichte in den INTRO- und 1LIVE-Redaktionen nicht mehr empfinden können, um die Größe dieses Steiffen-Epos zu erfassen! Ha!

Uh, jetzt trägt er aber dick auf, mag jetzt manch einer denken... Aber auch ich bin geläutert, wurde sozusagen vom Saulus zum Paulus, was Christian Steiffen angeht. Ich verstehe durchaus, wenn man ihn am Anfang womöglich scheiße findet ... bei mir sah das Ganze anfangs ähnlich aus:

Eines Tages quatschte mein Kumpel Jogi mich an, ob ich nicht ein Konzert in Meppen machen wollte: "Mit meinem Nachbarn aus Osnabrück, der macht so Schlager..." Ich dachte nur "Watt willst du? Schlager?!?" und ignorierte das erstmal. Als gestandener Punkrocker will man ja keine Schandflecke auf seine angeranzte Lederjacke kommen lassen. Irgendwann hab ich dann auch das Steiffen-Video zu "Ich fühl' mich Disco" gesehen und war verwirrt... Aber spätestens als ich mir dann den Clip zu "Ich hab die ganze Nacht von mir geträumt" zu Gemüte geführt hatte, platzte der Knoten allmählich... Fritten ins Eisfach, sag ich nur!


Danach hab ich noch so ca. 3 Wochen gebraucht, bis ich auch das Wortspiel im Künstlernamen gecheckt hab. Als ich aus dem Lachen wieder raus war, hatte Jogi dann bereits das Heft selbst in die Hand genommen und für den 15.12.2012 ein Konzert von Christian Steiffen gemeinsam mit dem JANCEE PORNICK CASINO in Meppen gebucht. Und im Nachhinein muss man sagen: Legendärer Abend (HIER nachzulesen)! Der Laden war proppenvoll, Jancee hat während seines Auftritts gekotzt, Christian nicht, im Gegenteil - er war ein wahrer Sonnenschein! Wer sonst bringt als "unbekannte Vorband" eine ganze Dorfjugend dazu voller Inbrunst dazu lauthals "Sexualverkehr" zu singen?!? Das kann nur einer! Und das war dann auch der Augenblick in dem ich bedingungsloser Fan wurde! Wir (gestandene Männer!) waren sogar nach dem Auftritt fast so weit pubertierende Dinge zu tun, wie z. B. eine "Steiffenjugend Meppen" zu gründen. Herrlich!!!



Aber ich schwafel wieder rum, kommen wir also jetzt zum Album. Ein Blumenstrauß von 14 Songs ist drauf. Rein musikalisch gibt es perfekt arrangierte Schlagermusik. Erwartet also keinen Schrott! Das Original Haseland Orchester unter der Leitung von Dr. Martin Haseland hat da einen perfekten musikalischen Unterbau geschaffen, der sich neben Schlager auch aus allerlei anderen Genres bedient, z. B. Disco/Funk ("Ich fühl' mich Disco"), Gospel (man achte auf die Chöre in "Mein bester Freund") und und und... Singen kann der Christian übrigens auch ganz gut, sogar ein leichter Howie Carpendale Slang ist mitunter zu erahnen ("Ein Leben lang"). Und Reinhard Mey ... na ja, das werdet ihr schon selber rausfinden wenn ihr die Platte anhört ... ich will ja nicht zuviel verraten. ;) Mit Liedern wie "Eine Flasche Bier", "Wie gut, dass ich hier bin" oder "Sexualverkehr" geben sich hier die Hits jedenfalls die sprichwörtliche Klinke in die Hand! Die Krönung ist "Ich habe Haschisch probiert", das daherkommt wie eine Mischung aus FAITH NO MORE's "Schützenfest" und "Feel Good Hit Of The Summer" von den QUEENS OF THE STONEAGE.

Am Haschisch-Songtitel lässt sich dann auch schon direkt die textliche Marschrichtung ablesen. Verpackt in diese unvergleichlich schmalzige Schlagerlyrik wird da nämlich meist nach wenigen Zeilen der Schwarzhumor-Hammer rausgeholt. Das Humorniveau variiert dabei naturgemäß irgendwo zwischen subtil bis zotig, schweinisch oder gar derbe. Vielleicht sitzen nicht alle Gags so hundertprozentig, aber auch nach mehrmaligem Hören könnte ich mich bei einigen Liedern immer noch einnässen vor Lachen! Ich gebe zu, wenn das Ganze nicht von diesem ludenhaften Halbweltschönling Christian Steiffen gesungen würde, wäre es vielleicht irgendwie nur halb so witzig. Aber der Mann zieht das mit Look und Attitüde so überzeugend durch, dass auf "Arbeiter der Liebe" einfach das Gesamtbild stimmt! Hier passt alles perfekt zusammen, wie Arsch auf Eimer sozusagen! Und man ertappt sich übrigens ständig dabei, wie man die Lieder unbewusst vor sich hinsingt: im Supermarkt, auf der Arbeit, am Kaffeetisch bei Muttern ... da kann so ein sanft dahingehauchtes "Se-xu-al-verkeeeeheeeer, sha na na na" durchaus mal für Erheiterung oder andere Dinge sorgen...

Es gibt natürlich auch viele Leute die diesen Humor gar nicht ganz durchschauen, auch das durfte ich schon mal erleben. Da waren dem Herrn Steiffen bei einem Auftritt einige Leute (Fraktion Ü60-Spaßbremse) ausgesetzt, die diese Kombination aus perfekter Schlagermusik und schwarzhumorig/anzüglichen Texten überhaupt nicht wechseln konnten. Und obwohl er Songs wie "Haschisch" und das Lied über seinen Kumpel Jesus schon bewusst ausließ, sah ich auf einigen Gesichtern das Lächeln wahrhaftig gefrieren, haha... (Und das ist übrigens nicht bei meinem letzten Besuch in den Redaktionen von INTRO bzw. 1LIVE passiert, hehe...)

Zum Album möchte ich also abschließend festhalten: Es ist ein Hit! Und wer sich gerne mit etwas abseitigem Humor beschäftigt, sollte hier unbedingt ein Ohr riskieren. This is Entertainment und ihr wisst hiermit was euch erwartet! Alle anderen können sich meinetwegen weiter "Supertalent" in der Glotze geben oder auf die Suche nach der nächsten künstlerisch wertvollen psychedelisch-atonalen Avantgarde-Indiecombo begeben, viel Spaß dabei!

Die Quintessenz bei Christian Steiffen ist halt: Das Ganze ist auf seine eigene Art und Weise gut gemacht! Ob man das jetzt toll findet oder nicht... Und da steht auch weitaus mehr dahinter, als dass es nur ein Gag-Schnellschuss wäre. Hinter der Kunstfigur Christian Steiffen (nein, er heißt leider nicht wirklich so) steckt ja auch ein echter Typ! Also "Typ" im Sinne von "Original" (Ende 2012 wurde er sogar zum "Osnabrücker Original" gewählt). Im Zeitraffer zusammengefasst, hat das Ganze angefangen, als ein gewisser Reverend Hardy Hardon seinen Schabernack auf dem Katholikentag 2008 in Osnabrück trieb und dort die Christenheit auf die Schippe nahm. Und danach entwickelte das Ganze eine gewisse Eigendynamik. Wobei Christian Steiffen seinen - nennen wir es mal "Rock-Roots" - auch immer treu geblieben ist. Man denke z. B. an die DAMPFMASCHINE-Connections, mit denen er auch schon auf der Osnabrücker Maiwoche auf der Bühne stand. Und guckt mal wer da bei Minute 1:25 hinter der Theke steht... ;)


Auch das Original Haseland Orchester hat seine Wurzeln ja bei einer Band mit knüppelhart satirischem Hintergrund, die wegen Songs über Onkel Ditmeyer und Steffi Graf schon Kontakt mit der deutschen Justiz und diversen Gerichtssaalbänken hatte. Und ebenfalls legendär dürfte jetzt schon Christian Steiffen's Oberbürgermeisterkandidatur in Osnabrück im September 2013 sein, wobei er sogar den Kandidaten der FDP ausgestochen hat... Und neulich hat er sogar noch auf einem Punkrockfestival gespielt! Also Christian Steiffen jetzt, nicht der Kandidat der FDP. Und ein Kinofilm mit ihm ist jüngst auch noch gestartet (er spielt - wie kann es anders sein - sich selbst). Über Herrn Steiffen gibt's also schon so einiges zu erzählen (ich hab bestimmt noch ein paar Sachen vergessen) und die "Arbeiter der Liebe" CD ist eine mehr als gelungene Debütscheibe um die Steiffen-Legende zu untermauern.

Was die Zukunft angeht... Die Gefahr liegt natürlich auf der Hand: Wo wird Christian Steiffen landen? Mit Grausen denkt man an Gestalten wie Mambo Kurt ... irgendwann mal ganz witzig gewesen, aber mittlerweile auf Hartmetallfestivals und -kreuzfahrten gestrandet, wo er den Kasper vor bierseligen Metaldumpfmuffen machen darf, die von sich selbst denken sie hätten voll den crazy Humor... Oder - ähnlich schlimm - als Zwischendurch-Gag vor irgendwelchen Versicherungskaufleuten, Jungliberalen und ähnlichen Langweilern in Denim-Kutten auf der nächsten Turbojugendparty? Oder zwischen Mallorca-Zombies wie Mickie Krause oder Jürgen Drews am Balneario?!? Oder gar Provinz-Schützenfestzelte?!? Und was ist eigentlich aus Dieter-Thomas Kuhn und Guildo Horn geworden? Und ... na ja, seien wir ehrlich ... wenn man bei einem Majorlabel veröffentlicht, muss man evtl. auch mal Dinge machen, die vielleicht nicht ganz so cool sind... Bravo-Foto-Lovestory fänd' ich aber durchaus passend!

Ich wünsche Christian Steiffen jedenfalls alles Gute. Der Mann ist durch und durch Entertainer und ein mit allen Wassern gewaschener Charmeur noch dazu. Ich für meinen Teil genieße momentan die Zeit, in der er (noch) Geheimtipp ist...Wenn in einem halben Jahr nur noch Dullies auf den Konzerten sein sollten warte ich halt geduldig auf seine Reinkarnation als MOTORSTEIFFEN!!!

Mittwoch, 3. Juli 2013

Reviews (local): FELIX OLSCHEWSKI

FELIX OLSCHEWSKI - Blood And Souls 
Digipak-CD | Eigenproduktion: www.felixolschewski.de | 10 Songs - 38:02 Minuten

Man sagt ja immer, dass das Emsland ein Dorf ist und hier sowieso jeder jeden kennt. Von daher finde ich es ganz witzig, was für Dinge hier dann doch immer wieder plötzlich auf meinem Radar auftauchen, von denen ich gar nichts gewusst hatte. Eins dieser "Dinge" ist die CD von Felix Olschewski, von der ich neulich über ein paar Ecken erfahren hatte. Felix selbst kenne ich nicht persönlich, der ist eher ein Bekannter von ein paar Bekannten, die mir steckten, dass es da einen Verrückten auf dem Twist gibt, der neben so exotischen Tätigkeiten wie Kochbücher schreiben und Arbeit an PC-Games auch im Alleingang ein komplettes Metal-Album aufgenommen hat.

Felix Olschewski: Blood And Souls CD - Schöner Digipak mit Beiheft, tolle Aufmachung!
Die Neugier war also geweckt, ich hab mir die CD dann direkt von Felix besorgt. Allein der äußere Eindruck besticht bei dem Album schon mal, denn wo andere Bands ihre CD in ein popeliges Plastik-Tray mit einseitig bedrucktem Beiblatt packen, oder gar in eine schnöde Pappstecktasche, steckt die "Blood And Souls" Scheibe in einem feinen Digipak und punktet außerdem mit einem 8-seitigen Booklet mit allen Lyrics und kurzen Linernotes zur Albumentstehung vom Meister selber. Wie sagt man noch so schön? Das Auge isst mit! Eine Sache die viele mp3-Konsumenten wohl nie verstehen werden... Für mich sind Sachen wie Aufmachung, Artwork, Haptik etc. beinahe gleichrangig mit der Musik. Einen physischen Tonträger sollte man meiner Meinung nach immer als kleines Gesamtkunstwerk betrachten und deswegen nicht an irgendwelchen Enden sparen oder schludern.

Um mal beim äußeren Eindruck zu bleiben: Auch das Artwork ist was Besonderes. Heutzutage ist es ja ein Leichtes in einem halben Photoshop-Stündchen ein paar Totenköpfe aneinanderzukleistern und so ein "evil" Metalcover zu bauen. Hier fällt direkt auf, dass sich da jemand weitaus mehr Mühe gegeben hat, in dem Falle Felix Olschewski's Freundin, die offensichtlich als professionelle Illustratorin tätig ist. Zu dem ganzen Cover-Entstehungsprozess gibt's auch ein ganzes Video, unterlegt mit Songs aus dem Album. Ein gewisser Nerd-Faktor ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, aber ich finde das total interessant!


Am Cover/Artwork lässt sich dann auch schon eine gewisse Marschrichtung für das Wesentliche ablesen: Die Musik! Drachen, Schwerter, düstere Dämonengestalten - auch musikalisch und textlich bewegt sich das Ganze natürlich in diese Richtung. Wenn wir also Genre-Schubladen aufreißen wollen, würde ich sowas wie "dark Fantasy-Metal" wählen. Auch das ist natürlich ein bisschen nerdig, aber mit sowas waren und sind ja z. B. auch Bands wie BLIND GUARDIAN (die Felix in den Linernotes u. a. auch als starken musikalischen Einfluss nennt) erfolgreich (und vom Erfolg von Fantasykram wie "Game Of Thrones" brauchen wir gar nicht zu reden)... Ich sage an dieser Stelle gleich mal dazu, dass Sound und Genre nicht so ganz auf meiner gewohnten Geschmackslinie liegen, von daher werde ich mich hier mit allzu starken Wertungen auch dezent zurückhalten.

Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass das "Blood And Souls" Album einen sehr signifikanten Sound hat. Doom Metal würde ich es noch nicht nennen, aber das Tempo ist eher ein "majestätisches Schreiten" - andauernde Hi-Speed-Attacken sollte man hier nicht erwarten. Und eine wesentliche Charakteristik setzt Felix natürlich mit seiner Stimme, die eher ein tiefes beschwörendes Raunen ist, als tatsächlicher Gesang im eigentlichen Sinne. Das ist vielleicht eine Sache, an der sich manche Geister scheiden werden, ich persönlich finde den Gesamtsound aber durchaus stimmig.

Bedingt dadurch, dass die Scheibe im Alleingang eingespielt wurde, wird manch einem der Klang sicherlich auch etwas trockener/steriler vorkommen als "richtiger" Bandsound. Aber das sind wohl Sachen die Felix sich in jedem Review anhören darf, genauso wie die Einwände, dass ein echter Drummer besser und variabler klingt als ein Drumcomputer und das man mit einer kompletten Bandbesetzung sicherlich noch einige kompositorische Arrangements besser hätte ausfeilen können. Die Produktion ist jedenfalls amtlich, rechnet hier nicht mit rumpeligem Proberaumsound, das hier ist definitiv auf Profi-Niveau!

Genauso könnten "Die-hard-Metaller" übrigens auch monieren, dass sich ein martialischer Bandname wie "Barbaric Dragonslayer" oder "Apocalyptica Destroya" auf so einem Album vielleicht besser gemacht hätte, also der gar nicht so "metallische" Name des Solokünstlers Felix Olschewski, hehe... Aber Felix wird seine Wahl da wohl bewusst getroffen haben, genauso wie er das Album auch bewusst alleine eingespielt hat, einfach weil sich offensichtlich keine kompetenten Mitstreiter für diese Art von Musik fanden, die bereit waren die gleiche Energie und Arbeit beizusteuern. Na ja, wahrscheinlich ist es im Endeffekt auch ein bisschen einfacher anschließende Einwände von Review-Schlaumeiern über sich ergehen zu lassen, als sich bereits in der Entstehungsphase mit nervigen Bandkollegen im Proberaum die Augen auszukratzen, haha... ;)

Hier soll es aber gar nicht darum gehen, auf solch möglichen Schwächen herumzureiten, das überlasse ich lieber anderen. Ich sehe hier vielmehr, dass jemand so etwas wie eine starke künstlerische Vision hatte und sich die unglaubliche Mühe und Arbeit gemacht hat, diese Vision quasi im Alleingang in die Tat umzusetzen. Und davor ziehe ich respektvoll den Hut! Insofern ist die Platte für Felix Olschewski sicherlich ein wichtiges Projekt zur eigenen künstlerischen Verwirklichung. In dem Kontext sind vielleicht auch die Zeilen aus dem Song "The Paradox Of Choice" zu lesen:
No one else to stop you / no one else to judge you / no one else to blame / but yourself
Und so eine Zeile mit so einem Album in der Hinterhand können wohl nur die wenigsten von sich geben! Wie gesagt: Musikalisch ist es zwar nicht ganz meine Baustelle, aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache und ich kann mich in der richtigen Stimmung durchaus mit dem Album anfreunden. Wer sich im Emsland für Metal interessiert sollte die Scheibe ruhig mal antesten. Was mich hier hauptsächlich beeindruckt, ist diese unglaubliche DIY-Energie, die in diesem Projekt steckt. Deshalb nochmal: Hut ab vor dieser Leistung!

Donnerstag, 25. April 2013

Reviews: LOVE A, TURBOSTAAT, AFFENMESSERKAMPF

Sehr schlau von mir Reviews erst zu schreiben, wenn die Platten schon erschienen sind, von denen man die Promos hier schon seit Wochen rumfliegen hat. Eigentlich wären die folgenden Scheiben auch was für mein Fanzine gewesen, aber da ist leider in den letzten Wochen einiges gegen die Wand gefahren - und bevor hier alles untergeht vor lauter Neu- und Umstrukturierungen, bin ich einfach mal so frei über diesen Kanal meinen Senf dazu abzugeben. Weil es sich ja - nebenbei bemerkt - auch sämtlich um deutschsprachige Veröffentlichungen handelt ... und wenn die dämliche Intro neuerdings schon ein bekacktes "Deutschpunk-Special" macht, kann ich das schon lange, ha:

LOVE A - Irgendwie
LP, CD, digital | Rookie Records/Cargo | 13 Songs - 38:14 Minuten
Vorweg gesagt: Dieses Album läuft bei mir seit einiger Zeit ziemlich auf Dauerrotation. LOVE A Sänger JörKK kenne ich noch als geschätzten Kollegen vom Ox Fanzine und ich erinnere mich auch noch an seine alte Band ULTRAFAIR. Die hatten glaub ich damals das Vintage-Schlagzeug von ihrem Onkel Heinz für ihre Studioaufnahmen verschachert ... oder so ... ich denke mal solche Opfer werden LOVE A heute nicht mehr bringen müssen, denn die katapultieren sich mit "Irgendwie" locker ganz nach vorne in die deutsche Indie-/Postpunk-Liga! Nun muss ich für meinen Teil allerdings sagen, dass ich mich in den letzten Jahren eher wenig mit "Punk mit deutschen Texten" beschäftigt habe (dazu kann man LOVE A im weitesten Sinne noch zählen, finde ich), außer in regelmäßigen Abständen vor meinem EA80/DUESENJAEGER-Schrein zu beten. Daher hab ich das LOVE A Debüt "Eigentlich" auch irgendwie verpasst, ähem ... aber vielleicht liegt's genau daran, dass mir die neue Scheibe "Irgendwie" jetzt wie ein frischer Wind um die Ohren weht! Wunderbar! Zwar hab ich das böse Wort "Punk" da oben schon benutzt, aber im Grunde gehen LOVE A oft ziemlich "unpunkig" zu Werke. Wo andere Bands den Songzenit oft in einer Saitenschredderorgie suchen, spielt die Gitarre hier stattdessen eine ausgeklügelte Melodie. Also doch Pop? Warum nicht! Man verstehe mich nichts falsch, ich hab nichts gegen schreddern, aber wenn eine Band so gekonnt unverzerrte Melodien einsetzt und bei perfektem Arrangement trotzdem den funktionierenden Song nicht vergisst, finde ich das super. LOVE A machen das auf "Irgendwie" nahezu in Perfektion! Punk im Herzen, (Indie-)Eingängigkeit im Sound und natürlich darf auch die NDW-Referenz nicht fehlen - auch wenn LOVE A nicht so Berlin sind wie damals IDEAL und nicht ganz so genial minimalistisch wie die frühen TRIO. Auch textlich bietet die Platte höchstes Niveau: Smart, selbstironisch und humorvoll wird z. B. in "Der tausendste Affe" die deutschsprachige Popkultur der letzten 30-40 Jahre zerlegt. Daneben gibt's noch einiges mehr zu entdecken, denn wo andere Bands sich hilflos einen an der (Gossen-)Lyrik abbrechen, scheinen LOVE A sich das mal eben locker aus dem Handgelenk zu schütteln. Und die Textzeile "Du hast keine Ahnung, wofür mein Herz schlägt! Du hast keine Ahnung, wer ich bin!" könnte in diesem Jahr das Wasser auf die (Wind-)Mühlen der konformen/nonkonformen Indie-Hipsterjugend werden und zum 2013er-Tanzflächen-Shoutout mutieren. Aber das Ganze kommt halt nicht blöd rüber und wirkt nicht aufgesetzt. Emotional ja, aber nicht zum Selbstzweck. Viel mitgemacht, heart on the sleeve, man kann ja mal drüber reden ... oder singen! Es kann heutzutage nicht jede deutsche Band von sich behaupten, Texte zu haben, mit denen sich die Leute vom Teenie bis zum saturierten Ü30-Quitter identifizieren können. (Wobei ich hier natürlich nicht von DTH-Bierzeltpunk oder - noch schlimmer - Dumpfmuffenrock wie B.O./FR.WLD rede, hehe...) LOVE A könnte eine werden. Ich find's super! Eine der besten Platten im ersten Halbjahr 2013 bisher!


TURBOSTAAT - Stadt der Angst
LP, CD, digital | Clouds Hill/Rough Trade | 12 Songs - 42:49 Minuten
Ist ja irgendwie blöd, Platten miteinander zu vergleichen, aber die neue TURBOSTAAT kam bei mir zeitgleich mit der oben besprochenen LOVE A Scheibe an. Und da die LOVE A für mich direkt ein ziemlicher Gewinner war und ich die rauf und runter gehört habe, hab ich die neue TURBOSTAAT wohl etwas stiefmütterlich behandelt. Was aber keinesfalls heißen soll, dass die neue Platte der Flensburger schlecht ist! Mitnichten! Man bekommt die gewohnte TURBOSTAAT-Qualität - aber irgendwie ist die neue Platte auch anders. Liegt's daran, dass von den vielen maritimen Anspielungen auf "Stadt der Angst" wenig geblieben ist? Ich find's ganz gut, denn vielen Epigonenbands fiel ja offensichtlicht kaum mehr etwas anderes ein, als diese ganze Schiffs-/Seefahrer-Metaphorik von TURBOSTAAT zu klauen... So ein kantiger Startsong wie "Eine Stadt gibt auf" walzt auch erst mal düster alle romantischen Gefühle nieder - während die Band einen im weiteren Albumverlauf dann auch wieder auf altbewährte Weise an die Hand nimmt und das gute alte "TURBOSTAAT-Feeling" wieder entfacht. Insofern kann man das Ganze vielleicht mit der Situation vergleichen, wenn man einen alten Bekannten wiedertrifft. Eine Zeit lang nicht gesehen, erstmal zusammensetzen und erzählen, ein paar neue Sachen erlebt, erstmal drüber reden, es war halt nicht alles rosarot ... aber im Grunde ist er immer noch der gleiche liebenswerte Kauz wie vor einem Jahr, als du ihn das letzte Mal besoffen beim Meppener "Rock unter Linden" Festival gesehen hast... Und da standen TURBOSTAAT ja auch auf den Brettern. Vielleicht nicht ihre beste Platte, aber klar, immer noch 1. Liga, falsch machen kann man damit definitiv nichts.

AFFENMESSERKAMPF - Doch
LP + Download | Narshardaa Records | 12 Songs - 21:05 Minuten
Okay, an AFFENMESSERKAMPF geht natürlich als erstes mal der "Bester-Bandname-Award". Und mit "Doch" bringen die fünf Burschen auch gleich noch ein sackstarkes Album raus. Im Vergleich zu den hier ebenfalls besprochenen LOVE A und TURBOSTAAT liefern AFFENMESSERKAMPF definitiv die angepissteste Punk-Rotzigkeit in dieser Reviewsektion ab! Klar, bei (ex-?)TACKLEBERRY Mitgliedern darf man eine ordentliche Hardcorepunk-Kante erwarten, die hier gerne mal bedient wird (z. B. "Ein deutsches Herz hat aufgehört zu schlagen II + III"). Aber die Platte rockt auch ordentlich, wenn man's weiß kann man da durchaus raushören, dass Gitarrist Leif noch bei einer Band wie DIETER JACKSON spielt. Auch die schleswig-holsteinische Nähe zu TURBOSTAAT lässt sich irgendwie nicht verleugnen, kann aber auch sein, dass mich nur der Gesang da stark dran erinnert. Wie dem auch sei, AFFENMESSERKAMPF drehen alle diese musikalischen Zutaten ordentlich durch den Wolf, kochen ihr eigenes Süppchen daraus und garnieren das Ganze dann mit passenden Samples ("Nudelsalat") und sarkastischen Schlaumeier-Lyrics ("Du verdienst deinen Job | im Vodafone-Shop | und dein Job verdient dich!" oder "Nach dem Prinzip der Wiederaufforstung | könnte ich dir auch aufs Maul hauen | solange ich danach den Arzt bezahl'" oder "Ich muss nicht wissen was mir gefällt | solange ich weiß was ich verachte..." etc. pp.). Mit Songtiteln wie "Ich so,Typ: Romantischer Rebell" und "Oi! Spaziergang" kann ich mich natürlich auch von vorne bis hinten identifizieren, haha ... passt also wie Arsch auf Eimer.
Auch ansonsten sind die Jungs recht stilsicher, denn auch wenn ich das Plattencover etwas - ähm - "schlicht" finde, ist das Beiheft zur Platte als verschandeltes Rätselheft sehr cool aufgemacht und auch die Bandfotos (Achtung: Suchbild!) sprechen mich sehr an. Voll süße BOi!s im reifen Alter, echt! Außerdem haben die Sascha Hehn auf ihren Band-T-Shirts, damit kann man nur gewinnen (Anm. d. Red.: Es könnte sich bei näherer Betrachtung auch um Roland Kaiser handeln. Der verantwortliche Schmierfink wurde gefeuert!). Pick your king! Hatte ich erwähnt, dass die Scheibe recht flott ist? Kein Song knackt die 3-Minuten-Marke! Ich finde das sehr erfrischend, weniger ist ja manchmal mehr. Auch der Sound ist sehr gut, was ich jetzt noch mit unpunkigem Hintergrundwissen garnieren kann: Gemastert wurde die Platte nämlich von Henrik Jonsson in Schweden, der offensichtlich auch schon bei ROXETTE für den Sound verantwortlich war... Uijuijui, is datt noch Punk?!? Na ja, ich würde mal sagen AFFENMESSERKAMPF haben mehr Punk unter'm großen Zehnagel als halb Meppen im CD-Regal oder auf der Festplatte. Schließlich wurden die schon von einem erzürnten Frank Z. mit Kronkorken beworfen und haben verbotenerweise Rod G.'s Nobeltequila ausgesoffen. Deutschpunk-Connaisseure wissen jetzt natürlich um wen es sich handelt, der Rest hört bitte weiter BROILERS oder solchen Quatsch, haha... Die Erstauflage der Platte kam übrigens auch in schickem schwarz-weiß gesplattertem Vinyl, das zeig ich hier noch mal zum Angeben, weil ich ja sonst nix zu lachen hab. Was AFFENMESSERKAMPF betrifft: Geile Band, geile Platte, Punk Alter!

AFFENMESSERKAMPF: Doch LP (Erstauflage, Teppich nicht im Lieferumfang enthalten!)

Mittwoch, 1. August 2012

REVIEWS: Kalle Stille - Kurz vor dem Arsch der Welt links ab (Buch)


Kalle Stille
KURZ VOR DEM ARSCH DER WELT LINKS AB...

[Buch, 254 Seiten, Verlag "Under The Ivy", ISBN 978-3-9814906-0-2] "Kurz vor dem Arsch der Welt links ab“?!? Da ahnt man schon worum’s geht, oder?!? Nein, es geht nicht nach Meppen! Na ja, vielleicht doch ein bisschen... Kurz gesagt: Ein Altpunk schreibt eine Autobiografie über seine Kindheit und Jugend in der Provinz. Also quasi ein Kleinstadtroman. Das kommt Dir jetzt irgendwie bekannt vor? Richtig! Es gab ja schon „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni. Lustigerweise lässt Autor Kalle Stille sich am Ende seines Buchs auch augenzwinkernd darüber aus, dass Rocko allein mit seinem Buchtitel damals das ultimative Schlagwort für diese Thematik okkupiert hat. Pech also für Leute wie Kalle, die zu spät mit ihrem Buch angefangen haben, haha… Aber ich will „Kurz vor dem Arsch der Welt links ab“ gar nicht sooo sehr mit „Dorfpunks“ vergleichen … wobei … wenn ich gleich im ersten Absatz permanent darüber schreibe, ist es eh zu spät, oder?!? Haha, also egal!


Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich „Dorfpunks“ überhaupt mal komplett gelesen habe, daher kann ich grad wenig Parallelen ziehen. Den Film hab ich gesehen, den fand ich eher so … nett … Irgendwas ist mir noch mit Unkraut-Ex in Erinnerung geblieben, das kommt jedenfalls auch bei Kalle Stille vor. Aber Kalle schreibt hier schon so ziemlich seinen eigenen Stiefel und hat auch genug erlebt, daher sollte ich vielleicht einführend mal zusammenfassen wer dieser ominöse Kalle Stille überhaupt ist.

Karl-Heinz Stille ist seit Anfang der 1980er-Jahre in der deutschen Punk(rock)szene aktiv. Und „aktiv“ heißt, der hat nicht nur gesoffen und Bullenwagen angezündet, sondern er hat zuerst einen kleinen Vertrieb gemacht, und sich später dann aber vor allen Dingen als Fanzineherausgeber und –schreiber hervorgetan. Ich bin das erste Mal über ihn gestolpert, als wir vor ein paar Jahren gemeinsam beim Ox Fanzine geschrieben haben. Unter Dutzenden von Mitschreibern fallen einem da schnell diejenigen auf, die auf der gleichen musikalischen Wellenlänge funken, und Kalle Stille war immer mit einem exzellenten Musikgeschmack gesegnet und auch dem richtigen Humor, den er in diversen Kolumnen auslebte.

Schade eigentlich, dass wir uns (bisher) nie persönlich begegnet sind, aber jetzt konnte ich mir den guten Kalle hiermit ja wenigstens in Buchform in die gute Stube holen. Und gleich vorneweg gesagt: Ich lebe in Meppen (Emsland), er lebt in einem Kaff bei Stuttgart. Da dürfte klar sein, dass ich mich mehr als gut in seine Erlebnisse hineinversetzen kann, auch wenn uns altersmäßig circa 10 Jahre trennen. Zumindest werden direkt auf den ersten 30 Seiten schon mal Meppen und Berentzen Appel erwähnt, da fühlt man sich als emsländisches Landei doch gleich wie zuhause!

Ansonsten geht’s unter anderem darum, wie Kalle überhaupt im schwäbischen Möglingen landete, um teils kuriose Besuche bei der Verwandtschaft in der DDR, wilde Teenagerjahre mit Pornografie, Partys und Sauferei, schockierenden Rauf- und Prügelgeschichten, explosive Episoden über Sprengkörperbau mit dem schon erwähnten Unkraut-Ex, Aggressionsabbau in einer Rugbymannschaft und später dann das harte Leben nach der Schule, inklusive Wehrdienstverweigerung, treffenden Erkenntnissen über den Zivildienst in einem Behindertenwohnheim (auch da bin ich Leidensgenosse) und allem Drum und Dran. Was man halt erlebt wenn man jung ist und die Lebensplanung nicht so ganz nach dem Prinzip Schule, Lehre, Beruf, Frau, Hausbau, Kinderkriegen ausgerichtet ist…

Über allem schwebt in diesem speziellen Fall aber natürlich: PUNK! Und wie man zum Punk kommt. Wie Kalle hier selbst so schön schreibt: Man wacht nicht eines Morgens auf und ist „Punk“. Und Kalle ist auch nicht das, was manch einer heute unter Punk versteht. Also weder ein sich übers Outfit definierende „NOFX“ oder „Millencolin“ Shirtträger mit Emofrisur, noch ein schnorrender dauerbesoffener Ranzpunk vom Bahnhof. In dem Zusammenhang ist z. B. lustig zu lesen, wie er den Mythos um die Hannoveraner Chaostage demontiert, bei denen er damals selbst anwesend war! Weitere besondere Infos für Punkspezialisten sind u. a. ein kurzer Exkurs zum berühmt-berüchtigten Label Rock-O-Rama und generell das Miterleben des Wachstums der deutschen DIY-Punkszene, in Form von Mailorder-, Vertriebs- und Fanzinekultur und das daran anschließende Aufkommen von Hardcore. Was ja damals auch was anderes war, als die Prollkultur die diesen Begriff heutzutage leider für ihre Musik gepachtet hat… Wer also denkt Punk ist nur Pogo und Hardcore ist nur Circle Pit, der sollte das Buch ruhig mal lesen. Kalle bringt hier nämlich ganz gut rüber, dass Punk etwas mit Attitüde zu tun hat (oder es zumindest sollte) und nicht mit Outfit oder albernen Ritualen. Dass es beim „Punk sein“ vor allen Dingen um Selbstverwirklichung geht und darum, was auf die Reihe zu bekommen. Und ohne diese damalige „Do It Yourself“ Attitüde von Punk/Hardcore, würde es die Strukturen, auf die sich heutzutage diese ganzen halbprofessionellen „Indie/Alternative“ Band berufen, überhaupt nicht geben!


Aber Punk hat natürlich auch was mit Musik zu tun. Dementsprechend kann man hier auch viel über Kalles Beutezüge durch die Plattenläden und Mailorderlisten dieser Republik lesen. Und dass er eine ausgeprägte Sammlermentalität hat, wird schon deutlich wenn er z. B. über die Musikbilder-Einklebehefte der 80er schreibt, die dem ein oder anderen Zeitgenossen vielleicht noch bekannt sein dürften. Ich würde heute gerne mal einen Blick in Kalles Wohnung werfen. Ich tippe mal auf mindestens zwei 5x5er Expedit-Regale mit Vinylschallplatten und überall in der Wohnung verteilter Sammlerschnickschnack: Figuren, Bücher, Poster, Sammelalben…

Daneben wird einem oft beim Lesen eines solchen Buches erstmal wieder bewusst, wie sehr das Internet in den letzten Jahren auch die Zeit verändert hat. Wie viel Zeit man damals in Tape- und Vinyltrades investiert hat. Wie viel Zeitaufwand es allein war ein Mixtape aufzunehmen, während man heute problemlos die Festplatte mit einem Terabyte Musik vollsaugen kann, die man doch in den nächsten 20 Jahren nicht komplett hören kann…

Etwas seltsam fand ich ja seinen Vergleich von Masturbation und dem Entdecken von Musik – man kann beides nur alleine... ähem, nun ja… Nachdem er die Masturbationsphase hinter sich hatte, startete Kalle jedenfalls diverse Projekte. Unter anderem den schon erwähnten kleinen Vertrieb für Kassetten und Tapes und auch kurzzeitig eine eigene Band. Und vor allen Dingen da bin ich ihm dankbar, dass er die Zeit NICHT durch die rosarote Brille zeigt, wie das ja in JEDEM anderen Buch zu dem Thema zu sein scheint! In einer Band zu sein kann auch ganz schön ätzend sein, das wird hier deutlich, haha!

Wichtig sind aber natürlich auch Kalles diverse Fanzines, namens „Vollsuff“ und „Think“, für die er selber schrieb, Comics zeichnete und alles selbst rausbrachte. Bis er dann beim „Plot“ und „Zap“ landete und heute nach wie vor beim „Ox“. Auch warum er nicht beim „Trust“ mitgewirkt hat wird hier mit reichlich amüsanten Seitenhieben geklärt. Aber womöglich geh ich hier auch schon zu sehr in Insider-Details. Wer über Kalle Stilles Fanzineaktivitäten mehr wissen möchte, dem sei wärmstens sein anderes Buch „Alles was ein Fanzine braucht“ empfohlen. Ein 500-Seiten-Wälzer mit einem Großteil seines schreiberischen Schaffens aus den letzten 27 Jahren!


Über „Kurz vor dem Arsch der Welt links ab“ kann ich jedenfalls resümieren, dass ich eine Menge Spaß mit dem Buch hatte. Wahrscheinlich auch, weil ich ähnlich aufgewachsen bin wie Kalle Stille und einen ähnlichen Background hab. Insgesamt gibt es hier vielleicht keine Überraschungen, aber was soll es in so einer Kleinstadt-Autobiografie auch für Überraschungen geben?!? Dass dem Protagonisten eines Morgens ein Horn aus der Dunstkiepe gewachsen ist oder das er sich ein zweites Arschloch gefurzt hat? Nein nein, das hier ist ein solides amüsantes Buch, in dem ich viel Parallelen zu meiner eigenen Kindheit und Jugend finde, auch wenn ich ein paar Jahre nach dem Autor zur Welt gekommen bin. Ich denke das Buch ist aber durchaus auch für Leute interessant, die nicht unbedingt aus der Punkrockszene kommen, sich aber gerne auf Geschichten von irgendwelchen Nerds einlassen, hehe… Speziell Kleinstädter und/oder Landeier!

Ich hatte kürzlich das Gefühl, dass es momentan relativ viele dieser „Kindheit in den 80ern“ Bücher gibt. Da gehört „Kurz vor dem Arsch der Welt links ab“ natürlich auch erstmal dazu. Aber an diesem Buch schätze ich vor allen Dingen, dass hier nicht permanent diese ätzende „Früher war alles besser“ Sentimentalität verbreitet wird. Kalle Stille hat vielmehr eine realistische rückblickende Sicht auf die Dinge, garniert mit einem dicken Brocken Sarkasmus/Ironie und staubtrockenem Humor.

Kritik gibt’s von meiner Seite eigentlich nicht viel. Rein technisch hat das Buch einen etwas blöden Satzspiegel, der bis fast an den Rand und in die Bindung geht. Inhaltlich häufen sich im hinteren Teil die Rechtschreibfehler und es gibt auch einige Wiederholungen (wir werden z. B. des Öfteren aufs Neue über die Sprenggeschichten mit dem Unkraut-Ex aufgeklärt, und welche Kalles zweite selbstgekaufte Platte war und was es damit auf sich hatte, nicht zu vergessen seine permanenten Höhlenmenschen-Metaphern…), die man mit einem guten Lektorat bestimmt noch hätte ausdünnen können. Aber das ist dann wahrscheinlich auch schon nicht mehr Punk, haha… Und ich schätze Kalle Stille wollte von vornherein keinen „Preis für kreatives Schreiben“ gewinnen! Das überlassen wir dann mal lieber hippen 17jährigen Indie-Boys’n’Girls, die sich ihre Texte von irgendwelchen Blogs zusammenklauen. (Bernd)

Montag, 23. Juli 2012

REVIEWS: The Affected - The Enemy Within CD

THE AFFECTED
The Enemy Within CD
[Major Threat, www.theaffected.de]
THE AFFECTED aus Ibbenbüren gibt es mittlerweile auch schon seit 2007, und nach fleißiger Konzertspielerei in den letzten Jahren (u. a. am 26.5.2012 in Meppen), haben sie jetzt mit „The Enemy Within“ endlich ihren ersten Tonträger draußen. Mit 6 Songs ist die CD zwar eher eine EP als ein vollwertiger Longplayer, macht aber nix, denn die Songs sind super und die Scheibe verkauft die Band für spottbillig. Hier wird moderner Poppunk geboten, und wenn ich von modernem Poppunk rede, dann meine ich nicht so einen Käse wie Avril Lavigne oder PANIC AT THE DISCO! Nein, wenn man unbedingt Vergleiche heranziehen möchte, dann standen hier eher Bands wie MXPX oder die fantastischen COPYRIGHTS Pate. Und das THE AFFECTED aus dem Heimatort der DONOTS stammen, kann man mit etwas Wohlwollen vielleicht auch hier und da heraushören. Allerdings wird hier keinesfalls auf irgendwelche Trends geschielt und auch den internationalen Vergleich brauchen THE AFFECTED mit dieser CD wirklich nicht zu scheuen!
Die Songs sind top produziert, es gibt massenhaft coole Melodien und Singalongs (speziell „Stop The Trend“ ist ein Hit) und textlich geht’s auch nicht nur um die im Poppunk üblichen abgedroschenen Girls/Beach/Fun Thematiken. Also eine rundum gute Scheibe von THE AFFECTED! Was ich aber auch fast so erwartet habe, da ich Frontmann Peter schon vor Jahren über seine alten Bands KIDNEY BEANS und FREEBEES kennengelernt hab und er seit Jahren auch bei THE VADERS (die ja evtl. auch dem ein oder anderen Streetpunker ein Begriff sein dürften) immer gutes Zeug abliefert hat. Daumen hoch für THE AFFECTED! (Bernd)